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Theater am Ratsgymnasium

Seit fast 30 Jahren jährlich ein Schauspiel

 

Es ist abends an einem Donnerstag kurz nach den Sommerferien. Die Schule ist fast leer. Wäre es Winter, würde uns die Dunkelheit von draußen schon zu elektrischem Licht zwingen. Wir befinden uns im Raum 301, im Keller, und brüten. Keinesfalls Eier, nein, wir sitzen, wie schon so viele zuvor in einer Runde und hören gespannt, was zwei Lehrer zu sagen haben. Abends, das ist 18 Uhr, viel zu spät, um Lehrern noch zuzuhören, aber wir sind freiwillig hier und nicht alleine, denn wir sind eine Gruppe von rund 30 Schülern aus den Jahrgängen 10, 11, 12 und 13 und sogar ein paar Ehemaligen.

Zwei Männer, einer klein mit schwarzen Haaren, der andere mit langen grauen, Herr Ruprecht (Harry) und Herr Post (Dietmar), rufen uns enthusiastisch zu, fordern uns auf uns zu bewegen, uns aufzuwärmen. Wir müssen spielen, tun so, als liefen wir durch Städte, die uns fremd sind und entdecken neue Dinge. Es ist teilweise komisch, und ganz sicher ist man sich auch nicht, aber wir sind die Theatergruppe, deswegen schauspielern wir.

Die ersten Donnerstage wird viel geredet und diskutiert, es wird versucht zu entscheiden, welches Stück im Frühjahr aufgeführt werden soll. Nichts wird gemacht, dass nicht von allen ein Stück weit akzeptiert wird. Dieses Jahr sind wir uns schnell einig. Es wird „Unter dem Milchwald" vom walisischen Trunkenbold-Schriftsteller Dylan Thomas aufgeführt. Ein Hörspiel - eine Herausforderung. Die nächsten Donnerstage wird gelesen, als Einführung in das Stück, kleine Szenen werden gespielt um herauszufinden, welche Rolle zu wem passt.

Der Termin der Aufführungen liegt in ferner Zukunft, mehr als ein halbes Jahr, aber viele Donnerstage liegen noch vor uns und viele Stunden Arbeit. Hin und wieder schleicht sich ein Zweifelsteufel in den Kopf und sagt uns: „Das ist zu wenig Zeit, Ihr seid nicht weit genug - DAS WIRD NICHTS!" Aber es wird was. Immer wieder. Seit nun bald 30 Jahren.

 

Angefangen hat die jährliche Produktion im Jahr 1982. Mit dem Stück „Bittersüß", das von der Theatergruppe im Kollektiv geschrieben wurde, setzten damals Dietmar Post und seine Ehefrau Doris den Grundstein für Theater am Ratsgymnasium. Später stieß Harry Ruprecht zu den Produktionen hinzu und bald wechselten sich er und Frau Post jährlich mit der Regie ab. Theater am Ratsgymnasium ist nicht „Romeo und Julia" in Endlosschleife und tausendmal modernisiert. Über die Jahre wurden Klassiker von Brecht, Canetti und Shakespeare aufgeführt, aber auch selbst geschriebene, sowie unbekanntere Stücke, wie eben von Dylan Thomas, in die sich trotzdem begeistert hineingearbeitet wurde.

Nicht nur die Schüler wachsen an der Erfahrung der beiden Regisseure Harry und Dietmar, sondern auch sie entwickelten sich an den Schülern und mit ihnen die Produktionen. Seit einigen Jahren haben sie ein Musiktheater geschaffen, das eine Symbiose aus Schauspiel und Live-Musik kreiert. Schauspieler singen und Musiker werden zum Bühnenbild, z.B. in Form von schmutzigen Barbands, wie in Brechts Ganovenstück „Happy End" (Produktion 08/09).

Im Frühjahr geht es dann auf Theaterfreizeit nach Bergkirchen. Drei Tage lang wird intensiv am Stück gearbeitet und langsam nimmt es Kontur an. Danach ist die „heiße Phase" eingeleitet, die bis zur Aufführung anhält. Man trifft sich z.T. an Wochenenden, es werden Regieideen ausgeführt, erweitert oder komplett verworfen und neu konzipiert. Das ist eine sehr aufregende und aufreibende Zeit, die anstrengend ist, aber schnell verfliegt, und ehe man sich versieht, ist die Generalprobe da. Einen Tag vor der Premiere sind alle Schauspieler und Musiker in der Aula versammelt und spielen das komplette Stück - und es steht. Sollen die Zweifel doch kommen, man hat einen handfesten Beweis, den man ihnen vorhalten kann und der sich sehen lässt.

Und dann kommt der Tag der Premiere.
Die Aula ist voll und wird dunkel, es ist still. Noch einmal durchatmen, und dann drei Tage hintereinander abliefern. Zeigen, dass es sich gelohnt hat, abends, wenn die Schule leer stand, in einer Gemeinschaft zu sitzen und zu brüten. Seine Freizeit zu opfern, um sich der Kunst zu widmen und den Zuschauern einen Grund zu geben wiederzukommen. Vielleicht am nächsten Tag, ansonsten im nächsten Jahr, wenn es wieder heißt: „Bühne dunkel; Vorhang; Licht!"

Micha Steinwachs

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